Diagnosen (in) der Gegenwart

Koordination: Wolfgang Stenzel

 

Vorhaben:

Die kultursoziologisch und -historisch ausgerichtete Focus Group verfolgt das übergeordnete Ziel, Diagnosen gegenwärtiger Sachverhalte – Körper, Psychen, gesellschaftliche Ereignisse, Umwelten etc. – als eine historisch kontingente kulturelle Form in den Blick zu bringen, in der sich moderne Gesellschaften im Blick auf eine imaginierte Zukunft selbst thematisieren, darstellen und problematisieren. Sie trägt damit dem Umstand Rechnung, dass sich die temporale Ordnung und Dynamik der Moderne dadurch auszeichnet, das Denken und Handeln, die Wahrnehmung und die Gefühle individueller und kollektiver Akteure auf fiktionale Erwartungen, Imaginationen, Narrative und Entwürfe dessen, was die Zukunft bringen wird, zu orientieren. Damit möchte die Focus Group Zukunftsentwürfe und -szenarien als einen wichtigen Treibstoff der Transformationsdynamik der modernen Gesellschaft herausstellen. Sofern es zutrifft, dass imaginierte Zukünfte vor allem in den Wirtschaftswissenschaften als jene Bedingungen betrachtet werden, die zu einem bestimmten Verhalten und Handeln der Akteure in der Gegenwart auffordern, wäre die gesamtgesellschaftliche Durchsetzung und Verbreitung einer diagnostischen Welt- und Selbstbeziehung gleichzeitig eine Vollzugsform der Ökonomisierung des Sozialen als Charakteristikum der Moderne. Insofern leistet das Vorhaben einen Beitrag zur Erforschung der kulturellen Selbstkonstitution moderner Gesellschaften.

 

Der Focus Group geht davon aus, dass das Diagnostizieren ein zentraler, für sie konstitutiver Vollzugsmodus der modernen Gesellschaft ist.  Denn das Diagnostizieren impliziert eine Haltung, in der eine als gegeben akzeptierte gegenwärtige Wirklichkeit unter den Aspekten wahrgenommen, erfahren, beobachtet und behandelt wird, welche potentielle – positive oder negative – Zukunft in ihr bereits angelegt ist, und was zu tun ist, um diese Potentialität entweder zu entfalten oder aber an ihrer Entfaltung zu hindern und den Gang der Geschichte in bessere Bahnen umzulenken. Anders gesagt: In einer diagnostischen Haltung wird eine gegenwärtige Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkt ihres Zukunftspotentials objektiviert und zu einer berechen- und gestaltbaren Ressource gemacht. Diese Haltung realisiert mithin ein insofern für die Moderne grundlegendes Welt- und Selbstverhältnis, als sich diese über die dynamische Strukturlogik einer zukunftsbezogenen Beherrschung und Gestaltung (Steigerung, Verwertung, Optimierung etc.) der Lebensgrundlagen stabilisiert. Der sozialwissenschaftliche Bezug moderner Selbstproblematisierung auf medizinische Diagnosebegriffe und -semantiken ließe sich dann bspw. als eine ‚Aneignung‘ dechiffrieren, in der die Etabliertheit und Überzeugungskraft dieser Begriffe und Semantiken strategisch (im Sinne Bourdieus) eingesetzt wird, um dem Projekt der Moderne bis ins alltägliche Denken, Fühlen und Handeln hinein zum Durchbruch zu verhelfen.

 

Diagnosen zeichnen sich dadurch aus, selektiv bestimmte Aspekte oder Elemente einer gegenwärtigen Wirklichkeit so relevant zu setzen und zu einer sinnlich-sinnhaften Gestalt, dem image einer Krise, einer Verheißung, einer Utopie oder einer Dystopie,  zu verdichten, dass damit die Forderung z. B. nach politischen Maßnahmen und Interventionen oder, weitergehend, nach einem bestimmten Verhalten, einer alltäglichen Lebensführung der Gesellschaftsmitglieder begründet wird, um die imaginierte Zukunft zu verhindern oder herbeizuführen. Wir bezeichnen diese gegenwartsdiagnostisch konstruierten Gestalten als existentielle Bezugsprobleme – existentiell insofern, als von ihrer ‚Bearbeitung‘ die Zukunft der menschlichen Gesellschaft, von Natur und Umwelt etc., abzuhängen scheint. Interessant dürfte in diesem Zusammenhang u. a. sein, dass sich auch explizit modernekritische Zustandsbeschreibungen der gegenwärtigen Welt, etwa die Diagnosen einer zu Naturzerstörung, Entfremdung und Krankheiten führenden „Beschleunigung“, im modernen Modus der Diagnose artikulieren und vollziehen, der sowohl eine Unausweichlichkeit aus gegenwärtigen ‚Symptomen‘ abgeleiteter oder hochgerechneter Entwicklungen als auch die Idee einer Gestalt- bzw. Machbarkeit von Zukunft impliziert.

 

Vor dem Hintergrund dieser Annahmen möchte die Focus Group

 a)    die Leitthese vom Diagnostizieren als einer Vollzugsform der Moderne und  die ihr zugrundeliegenden Konzepte (Diagnose, Imagination, Fiktion etc.) durch thematisch fokussierte Arbeitstreffen kritisch befragen, schärfen und ggf. differenzieren,
b)    die regionale Kooperation zwischen Wissenschaftlerinnen aus Oldenburg und Bremen stärken und durch den Austausch mit herausragenden internationalen Referentinnen ausbauen, sowie
c)    die Sichtbarkeit des Forschungsthemas durch die Publikation u. a. von Working Papers (ggf. als Grundlage für die Beantragung eines interdisziplinären Verbundprojekts) erhöhen.


Auf diese Weise zielt die Focus Group darauf ab, den aus der Medizin stammenden Diagnosebegriffs kultur- und gesellschaftswissenschaft­lich zu profilieren und seine Bedeutung für die Selbstkonstitution der modernen Gesellschaft auszuleuchten.

 

Laufzeit: 01.05.2019 - 30.04.2022

Teilnehmer:

  • Prof. Dr. Thomas Alkemeyer (Universität Oldenburg, Soziologie & Sportsoziologie)
  • Dr. Nikolaus Buschmann (Universität Oldenburg, Geschichtswissenschaft)
  • Prof. Dr. Martin Butler (Universität Oldenburg, Amerikanistik)
  • Prof. Dr. Thomas Etzemüller (Universität Oldenburg, Geschichtswissenschaft)
  • Dr. Andrea Querfurt (Universität Oldenburg, Sozialwissenschaften)
  • Prof. Dr. Martin Nonhoff (Universität Bremen, Politikwissenschaft)
  • Dr. Frieder Vogelmann (Universität Bremen, Politikwissenschaft)

Auftakttreffen: 4. Juli 2019