Öffentlicher Vortrag: "Verunsicherte Gesellschaft: Steigt die Abstiegsangst in der Mittelschicht?"

 

Prof. Dr. Holger Lengfeld (Universität Leipzig)

12. Juni 2017, 19,30 Uhr

Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK)

Lehmkuhlenbusch 4, 27753 Delmenhorst

Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des sozialen Abstiegs. Mit dieser Anlehnung an ein bekanntes historisches Zitat lässt sich die Befindlichkeit der deutschen Mittelschicht in den 2000er Jahren auf den Punkt bringen. Neben vielfachen Medienberichten weisen zahlreiche Studien darauf hin, dass der Mittelschicht die Erwartung an einen langfristig planbaren und mit einem stetigen Wohlstandsanstieg verbundenen Lebenslauf abhandengekommen ist.
Als Gründe werden genannt, dass die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts und die "Hartz"-Reformen des Sozialstaats das Risiko des Arbeitsplatzverlusts und dessen negative Folgen auch in der Mittelschicht deutlich erhöht haben. Damit werden Verunsicherungen über die eigene Zukunft und soziale Abstiege in untere Schichten wahrscheinlicher. Folgt man den Diagnosen mancher Wissenschaftler, Journalisten und Politiker, so sind diese Abstiegsängste mitverantwortlich dafür, dass sich mit der Alternative für Deutschland (AfD) in nur wenigen Jahren eine rechtspopulistische Partei in der deutschen Politik etablieren konnte.

In seinem Vortrag geht Holger Lengfeld beiden Thesen, dem Anstieg von Abstiegsängsten und ihrer Wirkung auf das Erstarken der AfD, mit der Nüchternheit des empirischen Sozialforschers nach. Mit aktuellen und zuverlässigen Umfragedaten legt er dar, dass beide Thesen nicht haltbar sind.
Welche politischen Konsequenzen sich daraus ergeben können, skizziert Holger Lengfeld abschließend mit Blick auf die bevorstehende Bundestagswahl.

Der Soziologe Holger Lengfeld ist seit 2014 Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie an der Universität Leipzig mit dem Schwerpunkt Institutionen und Sozialer Wandel. Er promovierte an der HU in Berlin 2003 mit einer Arbeit über soziale Gerechtigkeitsvorstellungen in Unternehmen. 2008 habilitierte er sich dort mit einer Venia für Soziologie.
Schwerpunkte seiner Arbeit sind Sozialstrukturanalyse und soziale Ungleichheitsforschung, Soziologie der Europäischen Integration, Wirtschafts- und Organisationssoziologie sowie Soziologie der Werte.

zurück

Globalisierung und Wachstum

Öffentlicher Vortrag im HWK am 10. September 2018 um 19.30 Uhr


Globalisierung wurde seit den 1990er Jahren als ein neuer Motor des wirtschaftlichen Wachstums gefeiert und als Begründung darauf verwiesen, dass die Entgrenzung einer Welt, die im Kalten Krieg geteilt war, Transaktionskosten verringere und die Mechanismen des Marktes in immer mehr Weltregionen gegenüber politischen Interventionen zur Geltung bringe. Dies sichere Wohlstandsgewinne und ermögliche konsequenterweise die Ausdehnung demokratischer Ordnungen.
Dieses naive Szenario trifft inzwischen auf wachsende Skepsis, ohne dass die Zentralität der Globalisierungsdiagnose grundsätzlich in Frage gestellt würde.
Was hat also Globalisierung mit Wachstum zu tun? Ist dies eine Frage, die sich erst seit 1989 stellt oder hat sie einen längeren historischen Vorlauf? Und was bedeutet es, Wachstum und globale Herausforderungen des Anthropozän (also jener erdgeschichtlichen Epoche, die vom Eingreifen des Menschen substantiell geprägt ist) miteinander in Beziehung zu setzen?
Der Vortrag gibt einen Überblick zur Globalisierungsdiskussion der letzten drei Jahrzehnte und formuliert Antworten auf die oben genannten Fragen.

Dr. Matthias Middell ist Professor für Kulturgeschichte an der Universität Leipzig, wo er das Global and European Studies Institute leitet. 2007 lehrte er an der Duke University als Fulbright Professor für Transnationale Geschichte, seit 2016 leitet er in Leipzig den Sonderforschungsbereich „Verräumlichungsprozesse unter Globalisierungsbedingungen“. Er ist seit 1991 Herausgeber von Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte.